Ab auf die Insel

 

 

 

Es ist heute chic, ein Weltenbürger zu sein. Wer sich hingegen kritisch zum herrschenden Globalisierungs- und Zentralismus-Wahn äussert, kommt nicht gut weg. In der Folge als Hinterwäldler und Ewiggestriger apostrophiert zu werden, ist die geringste Schmach. Dabei gibt es Argumente, die zeigen, dass die Kosmopoliten auf dem falschen Dampfer sitzen, und, dass small tatsächlich beautiful ist. Aktuell illustriert dies der unsägliche, viel gescholtene Corona-Virus, beziehungsweise dessen wirksame Bekämpfung.

 

 

 

  Die Aufzählung ist beliebig, aber bemerkenswert. «Niemand macht es besser als Taiwan», titeln Medien. Wen wundert's, bei gut 300[1] nachgewiesenen Corona-Fällen und einer Handvoll Todesopfern. Das bei 24 Millionen Einwohnern und gerade Mal 130 Kilometern Entfernung vom chinesischen Festland, wo das Corona-Fiasko seinen Anfang nahm. Gar als Corona-Wunderland wird Neuseeland charakterisiert. Logisch, bei fünf Corona-Toten auf fünf Millionen Einwohner. Gleich erfreulich sieht es auch für Island, Grönland und die Färöer aus. Und erst Recht für die Föderierten Staaten von Mikronesien. Dieses Südseeparadies gilt noch immer als coronafrei.

 

 

 

  Mehrere Attribute sind diesen Gebieten gemein. Sie sind Inseln, haben geringe Bevölkerungsdichten und liegen ausserhalb Europas. Mit Ausnahme der Färöer, im Nordatlantik an der äussersten Grenze gelegen, politisch selbstverwaltet, zu Dänemark gehörend. Ein Grenzfall ist Grönland. Als autonomer Teil Dänemarks politisch ebenfalls zu Europa gehörend, geografisch und geologisch aber eindeutig Teil des nordamerikanischen Kontinents.

 

Wie die Zahlen zeigen, offensichtlich günstige Voraussetzungen, um einen Virus zu bekämpfen.

 

 

 

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  Die heutige, eingangs erwähnte Diffamierung der Insulaner liegt am, von Rudi Dutschke 1967 angedachten und erfolgreichen realisierten, Marsch der 68er durch die Institutionen. Zwar wird dieser abgestritten. Namentlich mit dem Argument, dass bei diesem Marsch – wenn schon – die Zerstörung der Institutionen von innen, und nicht die Machtergreifung durch die Linken das Ziel gewesen sei.

 

 

 

  Wie auch immer. Der Geist der 68er ist implementiert. Natürlich, das maoistische, trotzkistische und leninistische Vocabulaire ist weg. Aber es ist ein Fakt, dass heute in Politik, Bildung und Kultur neuer Wein in alten Schläuchen serviert wird. Dazu hat sich parallel in NGOs, Hilfswerken, Kirchen und Bewegungen ein Heer von Aktivisten zur Rettung der Welt formiert. Als politisches Betätigungsfeld bieten sich unzählige Betätigungsfelder an. Ökologie, Anti-AKW, Frauen, Friede … Neben Medien, welche sich, statt als Berichterstatter, je länger je mehr als moralische Richterinstanz verstehen.

 

 

 

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[1] Alle Zahlen +/- Mitte/zweite Hälfte April 2020

 

 

© Hans Peter Flückiger